„die ringeltaube war es die mich weckte in der stille“, mit diesen Worten und mit diesem Bild beginnt der neue Gedichtband von Norbert Hummelt, der 2020 im Luchterhand Verlag erschienen ist.
„Sonnengesang“ hat Hummelt den Gedichtband genannt, in Anlehnung an das gleichnamige Gebet des Heiligen Franziskus von Assisi, das dieser kurz vor seinem Tod im Winter des Jahres 1224/25 verfasste und in dem er ergriffen und verzückt die Schönheit der Schöpfung preist.
Und wie der Heilige aus Assisi nimmt der 1962 in Neuss geborene und vielfach ausgezeichnete Dichter den Leser an die Hand und zeigt ihm die Schönheit der Natur, in der immer wieder auch das Numinose aufleuchtet.
Es sind leichte und flüchtige Momente, die Hummelt in seinen Gedichten einfängt, kurze Berührungen, die nachklingen. Sie handeln von der Sonne und ihrem Licht, von den Libellen an der Schleuse, vom Adler, der mit seinen Schwingen Schatten gibt und vom geheimnisvollen Rauschen, das man beim Lesen zu vernehmen glaubt.
Es sind reizvolle Verse, Lyrik, die sich in wenigen Zeilen auf das Wesentliche konzentriert, die zum Nachdenken und zum Nachsinnen einlädt ...

Norbert Hummelt: Sonnengesang, Gedichte
Luchterhand Verlag; ISBN 978-3-630-87630-6; 94 Seiten; 15,99 Euro

Leseprobe

die begegnung

nah bei der schleuse zuckten die libellen
ich beugte mich über den trägen spiegel,
es war im juni an der krummen spree, u.
was ich einmal erlitten hatte, tat in diesem
moment nicht mehr weh. ich war auf sein
kommen nicht vorbereitet u. dachte, ich
kann hier am ufer gehen, ohne ihn einmal
im leben zu sehen. aber in einer blauen
sekunde in meinem vierundfünfzigsten
jahr strich er über das stehende wasser
u. war im nächsten moment nicht mehr da.

die berührung

heute rauschte es vor meinem fenster, rauschte
sehr, u. ich öffnete das fenster u. es rauschte
nur noch mehr. u. das rauschen kam von außen
kam von sehr weit her. u. es kam zu mir – es
hat mich angerauscht – sieh her – sonst war
ich nichts u. stand bis auf das rauschen leer –
rausch weiter, bleib, verlaß mich nicht! jetzt
bin ich voll von dir u. von dem rauschen schwer
u. weiß mein leben ohne rausch nicht mehr.

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