Auschwitz

Auschwitz

Auschwitz – ein furchtbares, grausames Wort,
Bei dessen Klang das Haar ergraut
Und das Gewissen der Welt zusammenzuckt.
Auschwitz – der Ort, wo
Der Vater den Sohn nicht erkannte, der Sohn nicht den Vater,
Und Bruder dem Bruder das Leben entriss
Für ein Stückchen Brot.

Auschwitz – der Ort, wo
Der Mensch für den Menschen zu etwas wurde,
Was noch keine Sprache der Welt
definiert hat.

Auschwitz – ein Friedhofsgigant
Ohne Grabkreuz und -hügel
Wo Millionen menschlicher Wesen
In einem Aschengrab ruh’n.

Auschwitz – das ist der Ort, wo
Wer immer es wagt, ihn zu betreten,
Niederknien und demütig die Stirn neigen möge
Vor der großen Majestät des Todes und des Schweigens.

Jan Piatek
Aus dem Polnischen von Karin Wolff [1]

 

Sch´ma

Ihr, die ihr sicher wohnt
In euren gewärmten Häusern,
Ihr, die ihr bei der Heimkehr am Abend
Warmes Essen findet und Freundesgesichter:        

           Fragt, ob das ein Mann ist:
           Der arbeitet im Schlamm
           Der kennt keinen Frieden
           Der kämpft um ein Stück Brot
           Der stirbt auf ein Ja, auf ein Nein hin.
           Fragt, ob das eine Frau ist:
           Kahlgeschoren und ohne Namen
           Ohne Kraft der Erinnerung mehr
           Leer die Augen und kalt der Schoß
           Wie eine Kröte im Winter.

Denkt, daß dieses gewesen:
Diese Worte gebiete ich euch.
Ins Herz schärft sie euch ein,
Wenn ihr im Haus seid oder hinausgeht,
Wenn ihr euch niederlegt oder erhebt:
Sprecht sie wieder und wieder zu euren Söhnen.
Sonst sollen eure Häuser zerbersten,
Krankheiten über euch kommen,
Eure Nachkommen das Gesicht von euch wenden.

10. Januar 1946

Primo Levi [2]

 

Ein einziger Mensch ist oft ein ganzes Volk
Doch jeder eine Welt
Mit einem Himmelreich wenn
Er der Eigenschaften uredelste pflegt:
Gott
Gott aufsprießen lässt in sich
Gott will nicht begossen sein
Mit Blut
Wer seinen Nächsten tötet
Tötet im Herzen aufkeimend Gott
Wir können nicht mehr schlafen in den Nächten

Else Lasker-Schüler [3]

 

 

Auschwitz

Das Unsagbare,
wie sag ich es –

Das Undenkbare,
wie denk ich es –

Das Unfassbare,
wie fass ich es –

Das Un-Menschliche,
wie find ich es
in mir?

Stella Rotenberg [4]

 

Jede Minute

Kostbar der Herzschlag
jeder Minute
sie schenkt dir den Atem
erlaubt dir anzufangen
aufs neue

In deinem Augenstern
kreist die verwirrende Welt
ruht das Himmelsherz
jeder Minute

Rose Ausländer

 

 

 

Wachsen dürfen

Eine Insel erfinden
allfarben
wie das Licht

In seinem Schatten
willkommen heißen
die Erde

Sie bitten
uns aufzunehmen
in Gärten

wo wir wachsen dürfen
brüderlich
Mensch an Mensch

Rose Ausländer [5]

 

Etty Hillesum – Mystik in dunklen Zeiten (PDF-Datei zum Download)

 

[1] Adam A. Zych u. Dorothea Müller-Ott (Hrsg.): Auschwitz. Gedichte. Verlag Staatliches Museum Oswiecim 1998

[2] Primo Levi: Zu ungewisser Stunde. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1998

[3] Else Lasker-Schüler: Kritische Ausgabe. Suhrkamp Verlag Frankfurt 2001

[4] Stella Rotenberg: An den Quell. Gesammelte Gedichte, Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2003.

[5] Rose Ausländer: Im Ascheregen die Spur deines Namens. Gesammelte Werke Bd. 4, Fischer Verlag Frankfurt 1984

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