Grundlegung

Emil Schumacher: Motiv 6-67, Aquatintaradierung

Wir möchten an dieser Stelle den interessierten Leser auf zwei Bücher hinweisen, in denen zwei christliche Versenkungswege beschrieben werden, wie sie von der westlichen und der östlichen Kirche überliefert sind. Das Gesagte ist für unser Angebot von kontemplativer christlicher Meditation grundlegend. Da es sich bei den Büchern um Literatur handelt, die in einer anderen Zeit verfasst wurde, sind die Texte für manchen Leser u.U. vielleicht etwas „sperrig“ zu lesen. Wir glauben, dass sich die Lektüre lohnt und dass die Botschaft, die die Texte bereit halten, für den Leser von Gewinn sein wird. Im Folgenden ein paar Auszüge:

 

Wolke des Nichtwissens

In einer mittelalterlichen Handschrift mit dem Titel „The Cloud of Unknowing“, übersetzt „Die Wolke des Nichtwissens“[1], beschreibt ein unbekannter englischer Mystiker im ausgehenden 14. Jahrhundert einen christlichen Versenkungsweg, der in die unio mystica, die Vereinigung mit Gott führen möchte. Die Ostkirche spricht von der Theosis, der Vergöttlichung des Menschen.
Nach Aussagen des unbekannten englischen Verfassers ist sie ein göttliches Gnadengeschenk. Er schreibt, dass sich Gott in Bildern, Gedanken und Worten nicht fassen lässt. Das mystische Gebet erfordere vom Übenden daher, alle Gedanken, Überlegungen, Vorstellungen und Fantasien zu lassen, an nichts anzuhaften, offen zu sein und „an sich geschehen [zu] lassen“.

Weiter schreibt er: „Löse dich innerlich von allen Geschöpfen und schenke ihnen keine Aufmerksamkeit mehr. […] Von deinem Bemühen werden alle Menschen Gewinn haben. Du wirst allerdings nie ganz verstehen, wie das vor sich geht. […] Diese Übung scheint dir das Einfachste der Welt zu sein, wenn Gott deine Seele mit fühlbarer Freude erfüllt. Du übst gerne. Entzieht er aber seine Hilfe, fällt die Übung dir sehr schwer, ja, sie erscheint dir fast unmöglich. Doch lass nicht nach und übe solange, bis sie dir wieder Freude macht. Für einen Anfänger ist es normal, nichts wahrzunehmen als ein gewisses Dunkel, das dein Bewusstsein umgibt, wie eine Wolke, in der man nichts erkennt. Du scheinst weder etwas zu erkennen noch zu spüren, außer einem reinen Verlangen nach Gott, das im tiefsten Inneren deines Seins lebendig ist. Gleich was du tust, dieses Dunkel und diese Wolke bleiben zwischen dir und deinem Gott. Du bist zunächst enttäuscht, denn du kannst ihn weder mit deinem Denken erfassen, noch fühlst du dich von seiner Liebe überströmt. Versuche, dich in diesem Dunkel zu Hause zu fühlen. Sooft du kannst, kehre in dieses Dunkel zurück und rufe nach dem, den du liebst. Wenn du hoffst, Gott in diesem Leben schauen und erfahren zu können, wie er in sich selbst ist, dann wisse, dass das nur im Dunkel dieser Wolke möglich ist. Wenn du, wie ich dir geraten habe, bestrebt bist, einzig Gott zu lieben, alles andere zu vergessen und damit zum Kern der kontemplativen Übung vordringst, dann bin ich sicher, dass Gott in seiner Güte dich zu einer tiefen Erfahrung seiner selbst führen wird.“[2]

Da es nicht ausbleibt, dass ablenkende Gedanken dem Übenden zu schaffen machen, empfiehlt der Autor der „Wolke“ ein kurzes Wort („Nimm nur ein kurzes Wort mit einer einzigen Silbe; das ist besser als eines mit zwei Silben, denn je kürzer es ist, desto besser passt es zum Werk des Geistes.“[3]), wie „Gott“ oder „Liebe“ oder ein anderes einsilbiges zu wählen, das einem entspricht und der eigenen Sehnsucht Ausdruck verleiht. Das Wort soll man innerlich sprechen (mit dem Atem verbinden) und auf sich wirken lassen, ohne dass man über seine verschiedenen Bedeutungen nachdenkt. Der Autor weiter: „Das Einüben der inneren Sammlung und Ruhe ist mühsame Arbeit, es sei denn, Gott hilft auf besondere Weise, sonst braucht es schon lange, bis man sich daran gewöhnt. […] Warum aber ist diese Übung trotzdem so mühsam? Mühsam ist der unerbittliche Kampf gegen die zahllosen Gedanken, die dich zerstreuen und plagen, und dein Bemühen, sie unter die Wolke des Vergessens zu bringen, von der ich schon sprach. Das ist mühsame Arbeit, die wir leisten müssen, damit Gott in uns wirken kann. Er weckt dann die Liebe, was nur er allein vermag. Wenn du das Deine tust, wird Gott auch das Seine tun, das verspreche ich dir.“[4]

Jesusgebet

Ein weiterer christlicher Versenkungsweg ist das Jesusgebet, das vor allem in den Ostkirchen praktiziert wird. Bei uns wurde es durch die Übersetzung eines Buches bekannt, das 1870 im russischen Kasan erschien. Das Buch ist die Abschrift einer alten Handschrift, die sich im Besitz eines greisen Athosmönches befand. Es beschreibt die Tiefen religiöser Erfahrungen, die auf dem Weg des Jesusgebetes gemacht werden können. Die deutsche Übersetzung dieses Buches trägt den Titel „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“.[5]

Der Protagonist der Erzählung ist ein einfacher russischer Bauer. Erfüllt von einer tiefen Sehnsucht begibt er sich auf die Pilgerschaft seines Lebens. Auf seiner Wanderschaft trifft er auf einen Starez[6], einen geistlich erfahrenen alten Mönch, der ihn in das Jesusgebet einführt und ihm das Wesentliche dieses mystischen Gebetes erklärt.
In der Erzählung heißt es: „Wir betraten die Klause, und der Starez sagte folgendes: «Das unablässige innerliche Jesusgebet ist das ununterbrochene, unaufhörliche Anrufen des göttlichen Namens Jesu Christi mit den Lippen, mit dem Geist und mit dem Herzen, wobei man sich seine ständige Anwesenheit vorstellt und ihn um sein Erbarmen bittet bei jeglichem Tun, allerorts, zu jeder Zeit, sogar im Schlaf. Es findet seinen Ausdruck in folgenden Worten: «Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!» Wenn sich nun einer an diese Anrufung gewöhnt, so wird er einen großen Trost erfahren und das Bedürfnis haben, immer dieses Gebet zu verrichten, derart, dass er ohne dieses Gebet gar nicht mehr leben kann, und es wird sich ganz von selber aus ihm lösen.“[7] Damit knüpft der Starez an die Lehre der „Philokalie“[8] an und bezieht sich auf die Worte, die Symeon dem Jüngeren (949 – 1022), Kirchenlehrer und Mystiker aus Kleinasien, zugeschrieben werden: „Setz dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen; atme recht leicht […], führe den Geist, das heißt das Denken, aus dem Kopf ins Herz. Beim Atmen sprich leise die Lippen bewegend oder nur im Geiste: «Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner!» Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben. Sei nur still und habe Geduld und wiederhole diese Beschäftigung nur recht häufig.“[9]

Die Erzählung schildert, wie der Pilger nach langem Ringen und Suchen mit Hilfe des Jesusgebetes schließlich von einer überschwänglichen Fülle berührt und von Strömen der Freude ergriffen wird. Es ist ihm, als wäre er „versenkt in ein Meer von Wonne.“[10] – „Das Herzensgebet erfüllte mich mit solcher Wonne, dass ich nicht glaubte, es könnte jemanden auf der Welt geben, der glücklicher wäre als ich, und ich konnte es nicht verstehen, dass es noch größere und herrlichere Wonnen im Himmelreich geben würde. Diese fühlte ich aber nicht nur im Inneren meiner Seele, sondern auch die ganze Außenwelt schien mir wunderbar schön, und alles verlockte mich zur Liebe und zum Dank gegen Gott; Menschen, Bäume, Pflanzen, Tiere, alles war mir unsäglich vertraut, und an allem sah ich das Abbild des Namens Jesu Christi. Mitunter fühlte ich eine solche Leichtigkeit, als hätte ich überhaupt keinen Körper, und es war mir, als ginge ich nicht, sondern als flöge ich selig durch die Luft; mitunter ging ich tief in mich selber hinein und sah mein Inneres klar vor mir und staunte über die weise Anordnung des menschlichen Leibes; mitunter empfand ich eine so hohe Freude, als wäre ich König geworden.“[11]
In derart mystischer Versenkung erlebt der begnadete Mensch, so der Starez, die Fülle der verwandelnden göttlichen Gegenwart, die alles durchwirkt und die in Worten kaum zu beschreiben ist.

 

[1]   Wolfgang Riehle (Hg.): Die Wolke des Nichtwissens.Johannes Verlag Einsiedeln 2011; Willigis Jäger (HG.):
       Wolke des Nichtwissens und Brief persönlicher Führung. Kreuz Verlag Freiburg 2011;
       Willi Massa (Hg.): Kontemplative Meditation. Die Wolke des Nichtwissens. Grünewald Verlag Mainz 1993.

[2]   Massa, S. 31 f

[3]   Riehle, S. 47

[4]   Massa, S. 63 f

[5]   Emmanuel Jungclaussen (Hg.): Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers.
       Herder Verlag Freiburg 2011.

[6]   Starez: russ. „Alter“, ein in Askese und Kontemplation besonders erfahrener geistlicher
       Vater und Seelsorger der Ostkirche.

[7]   Pilger, 16. Aufl. 1987, S. 30

[8]   Die Philokalie (griechisch Φιλοκαλία) ist eine Sammlung von Weisheiten christlicher Kirchen- und
       Wüstenväter aus dem 4. bis 15. Jahrhundert.

[9]   Pilger, a.a.O., S. 31

[10] Matthias Dietz (Hg.): Kleine Philokalie. Belehrungen der Mönchsväter der Ostkirche über das Gebet,
       Benziger Verlag Zürich 1989, S. 84

[11] Pilger, a.a.O., S. 115 f